Angsterkrankung vs. Alltagspflichten

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Es ist 9 Uhr morgens und eigentlich sollte ich alleine zuhause am PC sein und einen ganz anderen Bericht schreiben…aber Mausi ist nicht im Kindergarten…ich habe es nicht geschafft sie hin zu bringen :-(.

Ich bin einen Tag vor meinem Regelbeginn und wie jeden Monat geht es mir nicht gut. Ich zittere, mir ist übel, habe Hitzewallungen und mir ist ein bisschen schwindelig. Die Hormone spielen wieder verrückt. Ideales Futter für die Angsterkrankung. Ich weiß das es nur ein paar Tage sein wird, dann ist der Spuk vorbei und alles ist wieder gut, aber bis dahin gibt es nicht nur damit zu kämpfen, sondern noch mit etwas ganz anderem…

Der Kindergarten hat Verständnis, aber andere nicht und ich spüre den Druck und die Gedanken “Sie soll sich nicht so anstellen!” wieder enorm. Das macht mir die Sache aber nicht leichter, im Gegenteil, es verunsichert mich nur noch mehr. Ich will ja, traue es mir aber nicht zu. Es ist kein weiter weg bis zum Kindergarten, aber für mich sind es an solchen Tagen unüberwindbare Kilometer.

Nur was soll ich machen? Das beste ist natürlich sich der Angst zu stellen, aber es ist ja nicht nur die Angst, die körperlichen Symptome sind ja auch noch da. Wer nimmt mir die weg? Bin ich wirklich eine Memme, weil andere es schaffen und ich eben nicht?

Genau davor hatte ich die ganze Zeit bedenken…die Zeit wenn Mausis Kindergarten losgeht. Ich wusste das es Tage gibt an denen ich nicht kann. Ich habe auch mit jedem drüber gesprochen, aber leider war es wieder wie so oft. Erst Verständnis zeigen und wenn es wirklich so ist wird man trotzdem blöde angeschaut. Warum dann erst so tun als wäre das völlig ok? Ich mag sowas nicht. Es fühlt sich gerade so an, als wenn man die ganze Zeit dachte “Wird schon nicht so kommen, sie bringt Mausi schon in den Kindergarten, ist ja nichts dabei” und jetzt wo es wirklich nicht geht ist man enttäuscht. Ja aber ich will doch niemanden enttäuschen. Kann man denn nicht verstehen das ich es WILL, aber nicht KANN? Bin ich deshalb eine schlechtere Mutter? Schadet es meinem Kind, weil es ein paar Tage im Monat wegen Mama nicht in den Kindergarten gehen kann?

NEIN, ich denke nicht! Und wieder gelange ich an das Thema – Leben und Leben lassen. Die Gesellschaft sieht das nicht mehr so. Es gibt (fast) nur noch Pflichten. Der Mensch hat zu funktionieren, ansonsten wird er gnadenlos niedergemacht. Schrecklich sowas. Ich kann wirklich gut verstehen das so viele Menschen unter seelischen Erkrankungen leiden. Bei diesem Druck, den man von außen bekommt, kein Wunder.

Mein Problem ist halt auch noch, dass ich niemanden hier im Umkreis habe der Mausi mitnehmen und wieder abholen kann. Herr G muss arbeiten und Familie habe ich hier nicht. Andere Eltern aus dem Kindergarten kenne ich noch nicht.

Wieder einmal kann ich nur appellieren an alle “gesunden” Menschen:”Bitte verurteilt uns nicht, nur weil unsere Psyche nicht ganz so fit ist wie Eure! Setzt uns nicht unter Druck, damit verschlimmert Ihr es nur! Wir sind genauso Menschen wie Ihr, aber es gibt Tage, da können wir eben nicht so ganz wie wir wollen! Respektiert diese Zeit!”.

Wisst Ihr was ich am schlimmsten an der Sache finde? Das man das Gefühl vermittelt bekommt “Die sind doch nicht NORMAL”. Natürlich ist man normal.

Ach, ich könnte jetzt noch ewig so weiterschreiben, aber das führt ja auch zu nichts. Ich hoffe nur das irgendwann der Tag kommt, an dem man auch geliebt, geschätzt und respektiert wird wenn man mal nicht so kann wie man möchte und nicht nur wenn man funktioniert. Ich finde es so verletzend das man toll ist wenn man alles erledigt und blöde wenn man es mal nicht schafft.

Toleranz ist was anderes und mich verletzt es zutiefst!!!

Kennt ihr solche Tage auch? Wie geht ihr damit um?

Liebe Grüße, Eure Nicole.

3 thoughts on “Angsterkrankung vs. Alltagspflichten

  1. Ich kann deinen Frust so gut nachvollziehen!
    Zum einen sehe ich unglaublich viele Missverständnisse, weil unsere Definition von “Angst” seit der Angststörung um mehrere Komponenten angewachsen ist, die Menschen, die frei von Angststörungen sind, vollends unbekannt sind. Vermutlich haben viele so wenig Verständnis, weil sie absolut nicht verstehen, wie sehr man durch die Angst im Alltag ausgebremst wird.
    Und ja, es fehlt tatsächlich so oft an Toleranz. Das macht mich unglaublich traurig.
    Ich denke, das Beste, das wir machen können, ist zum einen offen und ehrlich mit der Erkrankung umzugehen und sie so aus ihrem Schattendasein herauszuführen und ihr hoffentlich auf Dauer zu Akzeptanz zu verhelfen. Und zum anderen: daran zu arbeiten, wie wir selbst mit den Reaktionen anderer umgehen. Ich versuche, mich möglichst wenig darum zu kümmern, was andere über mich denken (könnten). Der Weg ist super schwer! Aber das Ziel ist so verlockend 🙂
    Ich wünsche dir, dass du bald wieder mutiger in den Tag starten kannst!

    1. Hallo Tatjana,
      vielen Dank für Deine liebe Antwort.
      Ich glaube auch, das es für Außenstehende schwer ist nachzuvollziehen, was
      es heißt mit einer Angsterkrankung zu leben. Ich versuche auch so wenig wie möglich an mich
      ranzulassen, aber das ist nicht immer leicht. Erkrankungen die man kennt, oder die die man sehen kann
      sind von der Akzeptanz stärker vertreten. Psychische Erkrankungen oft noch ein Tabuthema. Deshalb ist es
      wichtig, wie Du ja auch schreibst, das man sie mehr an die Öffentlichkeit trägt, das sie irgendwann auch mal
      so respektiert werden können wie andere Krankheiten auch.
      Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
      Liebe Grüße,
      Nicole.

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