Leben mit Angst & körperlicher Behinderung – der etwas andere Lebenslauf.

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Dieser Beitrag von mir wird etwas länger und sehr persönlich sein, denn ich verrate Euch Sachen (über meine Angst und Gehbehinderung), die so vielleicht dem ein oder anderen noch nicht bekannt von mir waren. Ich bitte Euch geht behutsam damit um, leicht fällt mir das erzählen nicht, aber ich denke es muss mal raus. Außerdem gehört es zu meinem Leben dazu und ich finde es muss nicht verborgen in meinem Inneren sein tristes Dasein schwelgen :-). Ich bin an dem Punkt angekommen an dem ich verarbeiten möchte und das konnte ich schon immer in dem ich schreibe.

Aber beginne ich mal von vorne: Schon seit ich denken kann wurde mein Leben von körperlichen Beschwerden bestimmt. Das fing schon gleich nach meiner Geburt an: ich kam mit einer Fußfehlstellung auf die Welt – ich hatte Klumpfüße. Gleich nach der Geburtsklinik kam ich in ein anderes Krankenhaus und wurde operiert. Das zog sich dann hin bis zur Einschulung. Immer wieder Operationen und damit verbunden die zeitweise Trennung von den Eltern. Zwar war meine Mutter oft dabei, aber immer ging das nicht. Ich kann mich nur noch vage an diese Zeit erinnern, aber kann mir gut vorstellen das ich dadurch so einige Macken abbekommen habe. Ob man da schon von Ängsten sprechen kann weiß ich nicht, aber zum Beispiel geistert mir ja immer wieder (noch heute) der Satz “Du musst da hin und darfst nicht heim!” im Kopf rum. Wo passt dieser Satz wohl am besten hin? Richtig, in die Krankenhauszeit. Aber wie gesagt, ist nur eine Vermutung.

Die ersten richtigen Anzeichen der Angst kamen dann etwas später, ich glaube ich war 12-13 Jahre oder so (genau weiß ich es nicht mehr, scheine ich verdrängt zu haben) aber ich wusste da natürlich noch nicht was das ist.

Meine Füße wurden trotz mehrfacher Operation, Krankengymnastik, Reizstrom (wenn ich daran denke bekomme ich heute noch einen Horror, furchtbare Sache ist das für mich gewesen)  nicht richtig. Sie wuchsen irgendwann nicht mehr weiter, blieben kürzer als normale Füße, ich komme mit den Fersen nicht auf den Boden und muss Einlagen tragen die dies etwas korrigieren.

Durch den Wachstumsstopp bildete sich wohl auch meine Muskulatur in den Beinen nicht richtig aus. Auch meine Knie bekamen das zu spüren. Ich wollte meiner Mutter zeigen wie man einen Kopfsprung macht, sprang zum Spaß hoch (wir waren gerade auf dem Heimweg und mussten einen kleinen Berg hoch) und kam gar nicht mehr heile auf der Straße an – meine linke Kniescheibe sprang raus. Horror, Krankenhaus, 6 Wochen Gibs und dann musste ich wieder laufen lernen, weil das Bein zu schwach war.

Ab da würde ich sagen begann die eigentliche Angsterkrankung. Ich wollte nämlich partout den Stützverband nicht mehr abnehmen, aus Angst die Kniescheibe springt wieder raus. Jeder noch so kleine Stoß verursachte Panik in mir und es passierte öfters das ich meine Mutter (auch nachts) anflehte, sie solle doch bitte mal den Doktor anrufen ob das ok war, oder ob doch wieder was passieren könnte. Nach einem Sturz in der Schule (in dem zum Glück nichts weiter passierte) war es dann soweit, dass ich nur noch vom Bett zur Toilette lief, alles andere verweigerte ich. Ende vom Lied; psychologische Kinderklinik. Klar fand ich das nicht so berauschend, aber im nachhinein muss ich sagen war es vielleicht die einzige Chance das ich wieder richtig anfange zu laufen. Sie gaben mir dort ein klein bisschen Vertrauen in meinen Körper zurück. Außerdem konnte ich dort etwas verarbeiten was mich als Kind sehr lange belastete…den Tod meines geliebten Opas. Ich gab lange Zeit mir die Schuld an seinem Tod, weil er mich an dem Tag bat mit ihm zur Oma zu kommen, ich aber ablehnte, weil ich keinen Ärger haben wollte, da ich heim musste. In dieser Nacht verstarb mein Opa, alleine in seinem Auto, Herzinfarkt und ich redete mir ein das er noch Leben könnte wenn ich dabei gewesen wäre, ich hätte Hilfe holen können. In der Klinik erfuhr ich dann das dies nicht möglich gewesen wäre. Das ist aber eine andere Geschichte, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Wichtig ist, dass ich ab da wusste, es war nicht meine Schuld und ich konnte verarbeiten.

Was ich allerdings bemängele ist die Tatsache das ich dort wahrscheinlich, durch einen dummen Zufall, meine erste Angstattacke hatte und es wurde nicht erkannt. Ich bekam Augenerweiterungstropfen, weil eine wichtige Untersuchung anstand. Am nächsten Tag erwachte ich und alles drehte sich um mich. Ich bekam höllische Angst, aber es wurde nicht ernst genommen. Der Schwindel war zwar bald wieder weg, aber ich kann mich daran erinnern, das ich ab da schon ähnliche Symptome (schwitzen, zittern, Bauchweh, schwache Beine usw.) hatte, die ich heute nur all zugut kenne. Irgendwann unterdrückte ich diese Symptome, es nahm sie ja eh keiner ernst…wahrscheinlich ein fataler Fehler. Man hätte gleich was dagegen tun müssen.

Eine ganze Weile verging und erst als ca. 18 jahre alt war kam die Angst kurz wieder. Ich wollte mit Freunden in eine Disco. Es waren allerdings auch Leute dabei die ich nicht so gut kannte und die mir nicht so sympatisch waren. Ich war also den ganzen Abend schon angespannt und vor der Disco ging gar nichts mehr. Ich begann wieder zu zittern, wollte nur noch weg. Mit meckern wurde ich schließlich heim gebracht. Auch da wusste ich noch nicht was mit mir los war.

Wieder verging einige Zeit. Ich merkte zwar das ich immer sehr unruhig war, übernachten bei anderen , oder in Urlaub fahren ging gar nicht, da wurde mir ganz komisch und teilweise fiel es mir schwer meine Ausbildung zu machen. Aber ich schaffte es. Irgendwann (wann genau weiß ich nicht mehr) kam dann das Thema Angsterkrankung auf und ich fand mich ein stückweit darin wieder. Ich beschloss noch einmal psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen aber ambulant.

Die erste Therapeutin war ein Reinfall. Sie redete ununterbrochen, ließ mich gar nicht zu Wort kommen und als ich dies erwähnte schmiss sie mich quasi raus und meinte ich wäre untherapierbar. Danach war ich 2 Jahre gesperrt. Wertvolle Zeit wie ich finde. Nach dieser Zeit startete ich einen neuen Versuch. Die Therapeutin war super lieb, aber scheinbar drang sie zu schnell und zu tief in meine Psyche ein, denn an einem Morgen als ich einkaufen gehen wollte passierte es. Ich stand im Türrahmen und es ging gar nichts mehr. Ich zitterte, bekam schwache Beine, Herzklopfen, schwitzte, mir war schwindelig, die ganze Bandbreite also. Ich ließ mich vorsichtig auf den Boden sinken und saß da erstmal eine Weile. Ab diesem Tag ging es mir immer schlechter. Ich ging kaum noch raus. Da ich zu dieser Zeit keine Arbeit hatte, verlor ich meinen Zuschuss, weil ich nicht mehr dazu im Stande war aufs Amt zugehen. Ende vom Lied, ich zog zu meinem damaligen Partner, weil ich ohne Geld natürlich auch meine Wohnung verloren habe.

Doch auch dort ließ mich die Angst nicht in Ruhe und ich versuchte sie mit Bier in Schach zu halten. Immer öfters und mehr trank ich davon. Das ging gut ein Jahr so, meine Beziehung zerbrach und ich zog zu meinen Eltern zurück. Dort trank ich dann zum Glück wieder weniger, aber ganz habe ich es nicht gelassen, ich feierte manchmal exzessiv mit Bekannten.

2004 starb meine Mutter. Das war ein riesen Schlag für mich. Es war, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Meine Mutter war sehr krank und für sie war es definitiv eine Erlösung. Auch wenn es mir schwer fiel, es dauerte einige Zeit, gewann ich wieder die Oberhand über meine Trauer und lebte weiter, aber irgendwann ohne Alkohol. Denn ich wollte zu der Angst nicht auch noch eine Alkoholerkrankung haben.

Noch einmal entschied ich mich zu einer Therapie und es war diesmal ein Glücksgriff für mich. Bei dieser Therapeutin konnte ich ohne Druck alles erzählen, es tat mir sehr gut. Es folgten auch noch 2x Kliniken und die Zweite erreichte es, das ich wieder (fast) beschwerdefrei leben konnte. Ich machte eine erneute Ausbildung und lebte wieder gut. Ab und zu mal einen heiße Kopf (Hitzewallungen) und leichte ängstliche Gefühle, aber damit kam ich klar.

2012 wechselte ich dann meine Antibabypille weil ich Geld sparen wollte. Angeblich war das neue Präparat genau das Gleiche, wäre nur billiger, aber nach etwa einem Einnahmezyklus bekam ich höllische Schmerzen im Bein – Diagnose: tiefe Beinvenenthrombose! Ob es tatsächlich an der neuen Pille lag, oder an der Tatsache das ich rauchte und was weiß ich, vermag ich im Nachhinein natürlich nicht mehr genau zu sagen, aber komisch war es halt das ich Jahrelang die gleiche Pille nahm und nichts war, kaum gewechselt und dann dieses Ergebnis.

Ich glaube in dieser Zeit, in der ich die Thrombose hatte, begann klammheimlich wieder die Angst in mir die Oberhand zu gewinnen, aber ich merkte es nicht. Ich musste Tabletten nehmen die Nebenwirkungen hatte wie Zahnfleischbluten, mehr Hitzewallungen und Kreislaufbeschwerden. Ich fing an jeden Tag meinen Blutdruck zu messen. Das wurde richtig zur Sucht. Erst als ich sah das dort alles ok war, war ich beruhigt. Wegen der Kreislaufgeschichte kam plötzlich wieder die Angst hoch, das ich fallen könnte und meine Kniescheibe springt wieder raus. Ich muss dazu sagen, dass ich seit damals, bis heute nicht mehr in die Knie gehen kann. Die Muskeln sind nur bis zu einem gewissen Grad dehnbar und wenn ich falle, dann überdehnen sie sich und das sind höllische Schmerzen und auch davor hatte/habe ich Angst.

In dieser Zeit lernte ich auch meinen jetzigen Mann kennen. Er tat mir sehr gut, bestärkte mich und ich vergaß zeitweise wieder meine Ängste. Ich fuhr zu ihm mit dem Auto (er wohnte ja etwas von mir weg) und alles war ok, bis zur Schwangerschaft. Dort kamen neue, mir bis dato unbekannte Ängste dazu…Angst um das ungeborene Kind in meinem Bauch. Ich vertrug keinerlei der nötigen Medikamente, nicht mal Zusatzstoffe wie Folsäure und hatte immer Angst es könnte meinem Baby schaden. Das war natürlich wieder gefundenes Fressen für die Angsterkrankung, aber erneut erkannte ich es nicht. Schon krass, da hat man diese verflixte Krankheit schon ewig, aber immer wieder schafft sie es, sich unbemerkt anzuschleichen.

Als Mausi dann auf der Welt war und ich eine richtige Panikattacke im Hausflur hatte und später noch einmal eine leichtere auf dem Weihnachtsmarkt, wollte ich es nicht wahrhaben…obwohl mir da schon übles schwante…ich wollte aber stark sein für mein Kind und verdrängte es wieder, was ja ein großer Fehler war. Die Rechnung bekam ich dann auch promt am 27.12.2013 als ich im Bad stand und nix mehr ging. Die Angst war wieder mit voller Wucht da. Aber davon habe ich ja schon das ein oder andere mal erzählt, muss es daher nicht näher erläutern.

Es tat richtig gut alles mal aufzuschreiben, auch wen ich gerade hier mit Tränen in den Augen sitze. War wirklich nicht leicht das alles Revue passieren zu lassen, aber ich bin stolz das ich es geschafft habe.

Habt Ihr selbst auch eine Angsterkrankung und könnt Ihr Euch vielleicht in manchen Punkten wiederfinden? Oder gibt es in Eurem Umfeld jemanden mit einer Angsterkrankung, wie geht Ihr damit um?

Liebe Grüße, Eure Nicole.

5 thoughts on “Leben mit Angst & körperlicher Behinderung – der etwas andere Lebenslauf.

  1. Liebe Nicole,
    total mutig und bewundernswert. Ich kann mir vorstellen (wirklich wirklich) wie das ist und wie schwer es sein muss, so offen darüber zu schreiben. Also toll gemacht. Ich drücke dich mal eben ganz fest ?
    Liebe Grüße
    Babsi

    1. Hallo liebe Babsi,
      ganz großen Dank für Deinen lieben Kommentar.
      Ja es kostete einige Überwindung, aber ich bin
      froh das ich es geschafft habe.
      Ich drücke Dich gaaaaanz fest zurück.
      Liebe Grüße, Nicole.

  2. Liebe Nicole
    ich lese deinen Blog ja schon eine Weile selbst als ich keinen Blog mehr hatte, mir gefällt deine Art zu schreiben einfach sehr. Aber dieser Mut den du in diesem Beitrag aufgebracht hast ist einfach bewundernswert!
    Liebe Grüße
    Kati

    1. Hallo liebe Kati,
      ganz lieben Dank für Deinen Kommentar. Deine Worte tun sehr gut <3.
      Leicht fiel es mir nicht, aber bin stolz das ich es geschafft habe.
      Vielen lieben Dank auch für Dein Kompliment zu meinem Blog, das freut mich riesig.
      Ich freue mich sehr das Du wieder ein Blog hast und werde wieder
      stöbern kommen.
      Liebe Grüße, Nicole.

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